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11.07.10 6. Reload Festival mit genreübergreifendem Programm

Twistringen (js/fis) – Ein kleines Festival in Niedersachsen expandiert: In diesem, seinem sechsten Jahr ging das Reload Festival in Twistringen erstmals mit einer zweiten Bühne und 36 Bands an drei Tagen an den Start – Anlass genug, für einen Tag zum Festival-Check vorbeizuschauen.

Strahlender Sonnenschein, grüne Wiesen und sommerlich sprießende Kornfelder grüßen die Besucher am Sonntagnachmittag im Landkreis Diepholz. Nach spärlicher Ausschilderung präsentiert sich das Festivalareal als übersichtliche Idylle voller schattenspendender Bäume rund um eine alte Ziegelei. Die Nachbarn hocken kaffeesierend in ihren Gärten, Kinder plantschen in entsprechenden Becken, Hühner gackern Pickbarem entgegen. Ein Blick auf dem Campingplatz: In wunderschöner Lage zwischen Wand und See geht es gemütlich zu.

An den ersten Tagen wurde bereits Country-Kerligkeit mit BossHoss, Sepulturas Thrash-Metal, Extrabreit-NDW-Spaß, Metalpop mit Die Happy, Irish Folk mit Fiddlers Green und Everlast als Bluessänger präsentiert. So gemischt das Line-up, so auch das Publikum: Metalfan, Altrocker, Billy Idol-Lookalike, Alternative-Addict und ganze Familien feiern in erstaunlich friedlicher Eintracht ihre Bands und schnuppern gar in die fremden Früchte der anderen Genres hinein. Reload will ein genreübergreifendes Fest der Generationen sein. Eine ungeheuer entspannte Stimmung erfüllt das Gelände, was ja leider nicht mehr typisch für Rockfestivals ist. Zum relaxten Flair trägt auch die Platzgestaltung bei: Statt Wellenbrechern stehen Bistrotische vor der großen Bühne, Bänke und Baumstümpfe laden zum Verweilen ein, eine Kinderrutsche führt direkt über einen Biertresen hinweg, nicht nur Fast Food wird gereicht, ganze Schweine drehen sich am Grillspieß. Zudem ist es überall recht leer – schön für den Besucher, denn es gibt kein Gedrängel und keine Warteschlangen.

Beim Schlagerrock von Luxuslärm wird bereits mitgesungen. Dann legt Taylor Hawkins los und gibt gesanglich wie gleichzeitig am Schlagzeug alles – es wird hart und diszipliniert gearbeitet, ob für eine kochende Meute im Club oder wie hier an einem Sonntagnachmittag in der niedersächsischen Geest. In Sachen Songwriting könnten sich Taylor Hawkins & Co. allerdings noch eine Scheibe zulegen – beziehungsweise sich eine selbige bei Hawkins’ Hauptband, den Foo Fighters, abschneiden.

Auf der zweiten Bühne toben sich derweil Newcomer aus dem In- und Umland aus. Gesehen und für zukunftsfähig befunden: Bakkushan, eine an der Popakademie Baden-Würtemberg ausgebrütete vierköpfige Formation, zeigt Potenzial mit nicht allzu glattem Indie-inspiriertem Deutschrock. Unterirdisch und vermutlich nur unter massivem Alkoholeinfluss zu genießen sind dagegen die Kongo Skulls aus Hamburg. Textlich wie musikalisch reiht die Band zusammenhanglose, an Klischeehaftigkeit kaum zu überbietende Phrasen aneinander. Fast könnte es als Rock-Parodie durchgehen, nur ist es dazu viel zu langweilig. In der Öffentlichkeit erwähnenswert nur als Warnung.

Zurück auf der Mainstage, auf der Billy Idol seine große Rock-Show auspackt. Das von allen Exzessen geläuterte 80er-Idol präsentiert sich mit blitzend weißen Zähnen und durchtrainiertem Oberkörper als kalifornisch-britischer New-Age-Edelpunk. Wieder mit dabei ist Gitarrist Steve Stevens, der die großen Hits des Sängers durch seine spektakulären Saitenkünste prägt und elektrisch wie akustisch beweist, dass er nichts von seiner Virtuosität verloren hat. Nicht ohne ein Augenzwinkern sucht Idol die Nähe des Publikums, wenn er die „Twistringen Girls“ besingt oder auch „Twistringen, alright“ zum Refrain eines der Rock-Boogies macht, die in der Setlist seine Rock-Pop-Hits ergänzen.

Der Platz vor der Hauptbühne ist nun locker gefüllt – zu locker für den Headliner eines Festivals dieses Formats. Und die nächste Band leert die Fläche bereits wieder: Ten Years After. So hochprofessionell und kunstvoll das in den 1970ern bekannt gewordene Quartett auch aufspielt, zeigt sich doch eine Schwäche, die der Band eigentlich schon immer anhing: Die Anmutung, dass ihre Songs mehr Rahmen für virtuose Einlagen bilden, denn unverwechselbare Eigenheiten haben. Große Songs muss man woanders suchen, beim Reload Festival reicht es aber aus, mit der Musik von Ten Years After im Hintergrund den Sommerabend zu genießen.

Für den Veranstalter ist die Bilanz der drei Tage aber ein böses Erwachen: Nur die Hälfte der erwarteten 15.000 Fans kamen, maximal 3.000 pro Tag. Woran lag es? Die geradezu betäubende Hitze, eine Unwetterwarnung, die Fußball-WM und das gleichzeitig im 50 Kilometer entfernten Bremen stattfindende Umsonst&Draußen-Festival mit ähnlichem Für-alles-und-jeden-Programm wurden als Gründe angeführt. Besucher bemängelten, dass die Ticketpreise schon zu nah an denen für Großfestivals wie das Hurricane lägen, die deutlich mehr zu bieten hätten. Und natürlich muss darüber nachgedacht werden, ob die Maßgabe, möglichst viele Zielgruppen anzusprechen, nicht dazu führt, dass sich viele Zielgruppen abgeschreckt fühlen, weil sie sich in einem Gemischtwarenladen nicht zuhause fühlen.

Wir drücken den Veranstaltern Stephan Siemers, Markus Hammann und André Jürgens daher ganz doll die Daumen, dass trotz roter Zahlen das Reload eine Zukunft hat. Tschüß, bis 2011 in Twistringen!

fis / eventim / live-check

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