Judith Holofernes (* 12. November 1976 in Berlin; eigentlich Judith Holfelder-Roy) ist eine deutsche Musikerin, Songschreiberin und Autorin. Bekanntheit erlangte sie vor allem als Sängerin und Gitarristin der Band Wir sind Helden, deren unkonventionelle Erfolgsgeschichte, eklektischer Musikmix und vielbeachtete, pointierte deutschsprachige Texte aus Holofernes' Feder sie zu einer der erfolgreichsten und meistbesprochenen deutschen Bands der 2000er Jahre machten.
Im Frühjahr 2012 gab die Gruppe bekannt, nach zehn Jahren Bandgeschichte für unbestimmte Zeit zu pausieren. Aktuell schreibt Holofernes einen Blog. Für Anfang 2014 ist die Veröffentlichung eines Soloalbums und eine anschließende Deutschlandtour geplant.
Künstlername Ihr Künstlername spielt auf Holofernes an, einen General des babylonischen Königs Nebukadnezar, dessen Enthauptung durch die Hebräerin Judit im deuterokanonischen Buch Judit des biblischen Alten Testaments erzählt wird. Über ihren Künstlernamen sagte Holofernes: „Wir verstecken uns hinter Pseudonymen, weil wir Spielernaturen sind. Künstlernamen zu haben ist an sich schon ein Zitat. Mit Künstlernamen zitiert man den Rock'n'Roll an sich.“
Leben Judith Holofernes wurde in Berlin-Kreuzberg geboren und zog im Alter von sechs Jahren mit ihrer Mutter nach Freiburg im Breisgau. Ab dem Alter von 14 Jahren sammelte sie dort ihre ersten musikalischen Erfahrungen als Straßenmusikerin. Nach dem Abitur zog es sie zurück nach Berlin, wo sie Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (GWK) an der Universität der Künste studierte, das Studium aber nicht abschloss. Sie setzte sich dort mit Konsumkritik auseinander und engagierte sich bei Adbusters, u. a. indem sie eine deutsche Version von adbusters.org entwickelte. Nach der Präsentation des Adbuster-Projektes brach sie das Studium ab, um sich verstärkt der Musik zu widmen. Kurz nach Abbruch des Studiums hatte die Band Wir sind Helden mit der Single Guten Tag (Die Reklamation) ihren Durchbruch im Radio. Seit 2006 ist Holofernes mit Pola Roy, dem Schlagzeuger von Wir sind Helden verheiratet. Im Dezember 2006 kam ihr gemeinsamer Sohn zur Welt, im August 2009 ihre gemeinsame Tochter. Sowohl Holofernes als auch ihr Mann sind praktizierende Buddhisten und engagieren sich in der Tibet-Initiative. 2008 traf Holofernes in Hamburg den Dalai Lama.
Texte Holofernes’ konsum- und medienkritische Einstellung zeigt sich in vielen ihrer Texte. Sie übt Kritik am Kommerz (Guten Tag), an Leistungsdruck (Müssen nur wollen), Gesellschaftszwängen (Ist das so?) oder an der Musikindustrie (Zuhälter). Mit dem Lied Heldenzeit antwortet sie auf die häufig gestellte Frage, warum sich die Gruppe Wir sind Helden getauft habe, und in Wütend genug beschäftigt sie sich humorvoll mit dem Vorwurf, ihr Ruf sei zu nett und zu brav. Auch die Liebe thematisiert Holofernes in vielen Liedern, manchmal in humoristischer (Aurélie), manchmal in ernster Form (Du erkennst mich nicht wieder, Außer dir, Für nichts garantieren, Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst). In dem 2007 in der Reihe Kursthemen Deutsch im Cornelsen Verlag erschienenen Schulbuch Lyrik - Liebe vom Barock bis zur Gegenwart wird Holofernes’ Liedtext Außer Dir Sapphos Ode an Atthis entgegengesetzt.
Besonders auf der dritten und vierten Wir-sind-Helden-Platte (Soundso und Bring mich nach Hause) beschäftigte sie sich vermehrt mit philosophischen Themen und setzte sich mit Identität, Wahrnehmung, Anhaftung, Tod, Angst und Verlust auseinander. Hierbei spielt sie auch immer wieder auf Kernpunkte der buddhistischen Philosophie an (Stiller, Lass uns verschwinden, Soundso, Alles, Nichts, Was wir tun könnten).
Trotz der Vielzahl an gesellschaftskritischen Äußerungen hat Holofernes in Interviews immer wieder verlauten lassen, dass sie sich ungern auf die politischen Themen in ihren Texten reduzieren lasse.
Neben der Textarbeit für Wir sind Helden schreibt sie außerdem regelmäßig für ihren eigenen Blog (judithholofernes.com), wo sie u.a. eigene Lyrik präsentiert, humoristische Kurzessays veröffentlicht, sowie gesellschaftliche, politische und kulturelle Geschehnisse kommentiert. Außerdem ist sie Mitautorin der 2008 erschienenen Bandautobiographie Wir sind Helden – Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen.
Soloaktivitäten Als Solokünstlerin nahm Judith Holofernes im Jahr 1999 eine Solo EP mit 9 Stücken auf. Diese EP namens Kamikazefliege presste sie 1999 in einer kleinen Auflage von 500 Stück selbst, um sie auf Konzerten zu verkaufen. Nach dem Durchbruch von Wir sind Helden entwickelte sich diese zum begehrten Sammlerstück. Einige Lieder aus dem späteren Repertoire der Band (Außer dir, Aurélie, Popstar und Friede, Freude, Lagerfeuer) sind bereits auf Kamikazefliege enthalten.
Im Februar 2014 wurde ihr Soloalbum Ein leichtes Schwert veröffentlicht, das sie im Sommer 2013 aufgenommen hatte. Die Songs dafür entwickelte sie zu Hause mit GarageBand, bevor die Demos dann im Studio mit Jörg Holdinghausen (Tele, Per Anders) am Bass und Pola Roy am Schlagzeug von Ian Davenport produziert wurde.
Wir sind Helden Im Popkurs Hamburg traf Holofernes im Jahr 2000 Pola Roy und Jean-Michel Tourette und beschloss, mit ihnen eine Band zu gründen. Diese trat anfangs unter Holofernes’ Künstlernamen auf und benannte sich später in Helden bzw. Wir sind Helden um. Neben ihrer Funktion als Sängerin und Gitarristin schreibt Holofernes alle Texte für die Band. Das Songwriting teilt sie sich mit den anderen Bandmitgliedern.
Im Jahr 2002 platzierte die Band ihre erste Single Guten Tag (die Reklamation) ohne Unterstützung einer Plattenfirma deutschlandweit im Radio. Der Fernsehsender MTV zeigte das Low- Budget Comicvideo zum Song auf höchster Rotation. Kurz darauf unterschrieb die Band beim Independent Label–Zusammenschluss Labels. Im Laufe ihrer bisherigen Bandgeschichte gewannen Wir sind Helden fünf Echo Awards, drei Mal die 1-Live Krone und den European Border Breakers Award. Für ihre Texte wurde Holofernes der Deutsche Musikautorenpreis verliehen. Wir sind Helden spielten zudem als Headliner auf zahllosen Festivals und machten sich vor allem in den ersten Jahren durch ausgiebige Touren einen Namen als Live-Band.
Im Frühjahr 2012 gab die Band vor den Medien bekannt, die Zusammenarbeit auf unbekannte Zeit auf Eis zu legen. Auf der Internetseite von Wir sind Helden begründet Holofernes die Pause u.a. damit, dass die Bandmitglieder, die von Anfang an in verschiedenen Städten lebten, mittlerweile alle Kinder hätten und die Arbeit als Band dadurch immer schwieriger würde.
Medienpräsenz Holofernes war seit 2003 drei Mal in der Harald-Schmidt-Show zu sehen. 2004 war sie Gast bei Zimmer frei! und trat 2006 in einer Episode der ZDF-Produktion Durch die Nacht mit … mit dem französischen Comic-Zeichner Lewis Trondheim auf, den sie - nach eigenen Angaben selbst Comicsammlerin - als ihren Lieblingszeichner bezeichnet.
Ab Juli 2011 moderierte Holofernes auf dem deutsch-französischen Fernsehsender arte die Reihe Summer of Girls.
Durch ihre dezidierten gesellschaftspolitischen Statements ist Holofernes eine beliebte Interviewpartnerin für den Feuilleton und wird zudem oft zu Talkshows eingeladen. So war sie beispielsweise im Dezember 2010 in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner zu Gast. Dort äußerte sie sich unter dem Titel „Regiert die Politik am Volk vorbei“ u.a. zum Thema Stuttgart 21.
Nach der Geburt ihrer Kinder wehrte sie sich mehrfach gegen das Image der „multifunktionalen Supermutti“ „die alles mit links stemmt. Seitdem die Kinder da sind, laviere ich ständig am Rand des Burn-outs herum. Trotzdem höre ich in Interviews immer: „Respekt, wie Sie alles unter einen Hut kriegen.“ Sie betonte auch, sie wolle „auf keinen Fall an diesem Mythos beteiligt sein, Frauen müssten nach der Geburt aussehen, als hätte ihr Kind im Blumentopf gekeimt oder es wäre ihnen aus der Nase gezogen worden.(...) Das zeigt, wie groß der Wille zum Klischee ist, zum übermenschlichen Ideal. (...)Kein Wunder, dass es inzwischen so was wie postnatale Anorexie gibt."
Auch zu der Tatsache, dass sie mit einer lesbischen Mutter aufwuchs, nahm sie in einigen Interviews Stellung.
Über ihren Blog engagierte sie sich außerdem für die Aktion „Wir sind Familie – Ehe und Familie auch für homosexuelle Paare“ und schrieb: „Ich für meinen Teil bin froh und dankbar für alles, was ich schon als Kind durch diese, meine Familiensituation gelernt habe: innere und äußere Flexibilität, vor allem. (....) Und ein mit der Muttermilch aufgesogenes Wissen darum, dass es viele Wege zum Glück gibt.“
Auseinandersetzung mit der Bildzeitung Im Februar 2011 setzte sich Holofernes in einem öffentlichen Brief mit einer Anfrage der Werbeagentur Jung von Matt für Bild auseinander, den sie mit dem Satz: „Ich glaube es hackt“ einführt. Darin beantwortet sie in kritischer Form das Ansinnen der Agentur, sie und die Band Wir sind Helden als Protagonisten für die Neuauflage einer bekannten Werbekampagne für das Boulevardblatt zu gewinnen. Diverse Medienseiten und Blogs berichteten über den Brief. Durch die Vielzahl der Zugriffe war die Website der Band danach zeitweise nicht mehr erreichbar. Bild druckte den Brief ohne Genehmigung als bezahlte Anzeige in der taz ab und bedankte sich für die „ehrliche und unentgeltliche Meinung.“
Für die ungenehmigte Verwendung ihres Schreibens als Werbeanzeige erhielt die Agentur im Jahr darauf den Bronzenagel des ADC (Preis der deutschsprachigen Kreativbranche: Art Directors Club für Deutschland e. V.).
In ihrem Blog bedankte Holofernes sich 2012 bei dem Satiremagazin Titanic, das über diese erneute Wendung des Streits satirisch berichtete.
GastbeiträgeHolofernes’ Stimme ist bei dem Stück X auf dem ersten Supporters Album der Einstürzenden Neubauten (2003) zu hören. Als Hintergrundsängerin sang sie 2004 in zwei Liedern der deutschen Band Tele. Im gleichen Jahr war sie auch am Lied Wir rühren uns nicht vom Fleck von den Sternen beteiligt. Auf dem Album Warten auf den Bumerang von Olli Schulz und der Hund Marie steuerte sie im Jahr 2006 den Hintergrundgesang im Lied Armer Vater bei. 2007 war der Tele-Sänger Francesco Wilking mit dem Duett Für nichts garantieren auf dem Album Soundso von Wir sind Helden zu finden. 2007 nahm sie außerdem mit dem schwedischen Sänger Moneybrother Magic Moments für dessen Album Mount Pleasure auf. 2012 war sie als Gast der Gruppe Die Höchste Eisenbahn auf dem Lied „Die Vergangenheit“ zu hören. Die von ihr gesungene Strophe stammt aus ihrer Feder.
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